Hast du eigentlich jemals auf Leinwand gearbeitet?

Anfangs ja. Ich habe aber bald bemerkt, dass ich etwas anderes suche als die Auseinandersetzung mit der Farbe … der Pinsel ist mir zu weich. Ein Stift, egal wie er beschaffen ist - Graphit, Kohle, Kreide - ein Zeichenstift braucht mehr Führung, eine größere Bestimmtheit, vielleicht sogar eine höhere Konzentration, die dann auch der Sache dient. Damit will ich nicht sagen, dass Malen leichter sei. Kunst ist so leicht oder so schwer, wie man sie sich macht. Zeichnen ist unmittelbar. Vom Kopf über die Hand auf das Papier. Du siehst, was du tust, gleich. Nicht erst am Ende.

Bei einer Umrisszeichnung ist mir das eingängig, bei der der Gegenstand sich aus der Linie entwickelt, auch bei einer Skizze und einer Studie, die das Herantasten an einen Gegenstand gleichsam dokumentieren. Du hast aber viele deiner Zeichnungen in Schichten aufgebaut, ich möchte fast sagen wie ein Maler, der Lasuren übereinander legt.

Nichtsdestotrotz ist das Bild in jeder Phase seiner Entstehung definiert oder präsent. Manchmal ist es schwer, weiterzuarbeiten, dann, wenn die Zeichnung eine Ausgewogenheit erreicht hat, die ein Ergebnis sein könnte. Ich habe Zeichnungen, die ich nicht weiterführe, obgleich sie weiter gedacht sind, weil sie einen Zustand angenommen haben, den ich nicht mehr angreifen will. Selbstverständlich gibt es bei den bildmäßigen Zeichnungen "Verluste" durch Überlagerungen und Übermalungen. Der Bleistiftstrich verschwindet hinter einem Kreidestrich oder hinter Farb- und Kratzspuren. Es ist richtig, hier nähere ich mich der Malerei. Doch das Papier spielt immer mit wie bei jedem Zeichner. Es ist nicht bloß Untergrund oder Fläche.

Dass ein Strich Raum eröffnet, sehe ich in deinen Zeichnungen oft. Du ziehst eine Linie und man hat das Gefühl, man kann sie übersteigen. Es gibt ein Dahinter. Und wenn ich dein Werk betrachte, stelle ich fest, dass es durchgängig so ist, von Anfang an bis heute, obgleich du verschiedene Phasen durchlaufen hast. Das Weiß des Papiers wird zum Raum, in dem du agierst.

Ja, ich entwickle meine Zeichnung räumlich. Das hat natürlich auch mit den Dingen zu tun, die ich zeichne. Zuerst waren es Fluggeräte. Ich habe den Luftraum dargestellt.

Die Schwebeform, scheint mir, ist für alle deine Bilder charakteristisch, ob du einen Stuhl zeichnest oder jetzt diese beinahe undefinierbaren Gegenstände, die du "Schwebendes Verfahren" oder "Error-Mirror" nennst. Und sie zeigt sich nicht nur in der Transparenz der Zeichnung und nicht nur im Verhältnis deines Gegenstandes zum Grund. Sie entsteht sogar im kleinsten Detail: Linien, die abreißen, Punkte oder Flecken, die vor einem Gegenstand oder im leeren Raum schweben. Gibt es überhaupt Standflächen in deinen Bildern?

Nicht dass ich wüsste. Wenn du so willst, arbeite ich an der Bodenlosigkeit.

In der Tat. Nicht einmal deine Häuser stehen auf festem Grund.

Es ist alles eine Frage des Gleichgewichts.

Das Ausbalancieren bei so vielen Teilen und kleinsten Teilchen muss doch eine Sisyphusarbeit sein.

Ein Kunstwerk ist immer ausbalanciert. Du wirst üblicherweise von Komposition sprechen oder von harmonischen Verhältnissen. Selbstverständlich kommt bei einem zeichnerischen Gerüst, wie ich es errichte, die Statik viel stärker in den Blick. Und so soll es auch sein. Als Zeichnung sind meine Gegenstände ausgeglichen; als Gegenstände aber ringen sie um das Gleichgewicht. Du siehst es, wenn du drei Schritte zurückgehst.